Immobilienmakler Mike fuhr uns mit meinem Auto am Sheep Viewing Centre vorbei zur zweiten Mine, wo der Trail startete. Am Vorabend hatte ich die Immobilienanzeigen für den Yukon studiert, in denen er auch stand. Zu Faro schrieb er dort: "The little town that did." Ich sagte ihm, dass er da wohl ein "e" vergessen hätte und es heißen müsste: "The little town that died." Ich alter Scherzkeks ich. Nachdem Mike uns abgesetzt hatte, wanderten wir zu dritt los: Michel, Kita und ich. Kita sträubte sich zuerst ihren Hunderucksack zu tragen, vermutlich weil sie sauer war, dass sie auf der Ladefläche sitzen musste. Mädchen eben. Auf der anderen Seite konnte ich es gut nachvollziehen, bin ich doch auch alles andere als begeistert, wenn ich den schweren Rucksack auf den Schultern habe.
Auf einer alten Minenstraße ging es bergan und nach kurzer Zeit waren wir auf einem kleinen Plateau. Von hier hatten wir eine tolle Aussicht auf den Tintina Trench, seine Vorberge, die dickeren Klötze im Hintergrund und die zweite Mine. Sie war wirklich riesengroß und eine schreckliche Narbe in der Natur. Aber ohne Mine keine Straße, kein Faro und kein Berti auf dem Weg zum Mt. Mye. Wir wanderten weiter hoch und der Wind wehte kräftig. Es begann zu regnen und wir suchten hinter einem Felsen Schutz. Von wegen drei Tage strahlender Sonnenschein in Faro, wie der Wetterbericht gemeldet hatte. Nahe beim Mt. Mye hagelte oder schneite es sogar. Das war mir gar nicht so geheuer, hatte ich doch kein Zelt sondern nur den Biwaksack mit. Nach einer halben Stunde gingen wir weiter bergauf.
Hinter einem Hügel sahen wir plötzlich einige sich bewegende Gestalten: Fannin Schafe, von denen es weltweit nur etwa 3.000 gibt und die so einfach nur in der Gegend um Faro beobachtet werden können. Es ist eine Kreuzung zwischen dem dunklen Stone Sheep und dem uns bekannten weißen Dall Sheep. Seine Farbe ist ein wenig gelblich. Ich packte den Rucksack ab, schlich mich mit meinem Tele näher ran und machte viele Aufnahmen. Zwar kam ich nicht so nah ran wie im letzten Jahr bei den Dallschafen im Kluane Park, sondern nur auf etwa 35 Meter aber immerhin hatte ich ein "neues" Tier im Kasten.
"Berg, der uns alles gibt"
Anschließend stiegen wir den vor uns liegenden Berg hoch und genossen den Blick auf die wunderschöne Bergwelt, die nur noch von Tundragräsern, Moosen und Flechten bewachsen war. Der Mount Mye ragte schwarz vor uns empor. Die Indianer hatten ihn "Berg, der uns alles gibt" genannt, weil sie dort Schafe, Elche und Bären jagen konnten. Warum sie sich dafür ausgerechnet den kahlsten von den Burschen ausgesucht hatten blieb mir schleierhaft. Wir gingen über einen Pass zum Mount Mye, wo wir auf einer Grünfläche weit unterhalb des Gipfels nächtigen wollten.
Es fing an zu regnen, wir bauten schnell Michels Zelt auf und brachten uns darin in Sicherheit, bevor es richtig los legte. Zum Sitzen und als Wetterschutz war es für zwei Personen okay, aber um zu zweit darin zu schlafen, hätte das Wetter schon sehr schlecht werden oder man sich sehr gerne haben müssen. Nach 30 Minuten war der Regen vorbei, wir kochten, aßen, tranken Tee und gegen 22 Uhr war die Schlafenszeit angesagt. Wir fanden jetzt auch den warscheinlicheren Grund warum Kita ihren Rucksack nicht tragen wollte: Darin befand sich ihr vegetarisches Futter, das wohl ziemlich teuer war, aber anscheinend nicht in gleichem Maße schmeckte, jedenfalls ließ sie die Hälfte stehen.
Ich hatte meinen Biwaksack um Iso-Matte und Schlafsack gepackt und mich im Schutz einiger Felsen ausgebreitet. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass es hier oben noch Mücken gab, so dass ich den Luftschlitz ziemlich zuzog. Außerdem war meine Ruheposition mit Steinen unterlegt. Da das Wetter sich gebessert hatte verlegte ich mein Lager auf die Ebene Richtung Zelt, wobei Kita mich anknurrte. Blöde Töle. Mir war es egal, ich konnte jetzt endlich einschlafen und trocken blieb es auch noch.
Hörnchenjäger
Nach dem Frühstück, zu dem sich Kita ein Bodenhörnchen schnappte, stiegen wir rauf zum Mount Mye. Es ging ziemlich steil die Felsen hoch, aber nach einer knappen Stunde hatten wir es geschafft. Wir genossen die gigantische Aussicht auf die Bergwelt und die Täler, die so grün waren, dass ich mich in Irland (nein, nicht im Irrland in Twisteden) glaubte. Auf der anderen Seite ging es noch steiler bergab und ich bekam schwere Probleme: Mein bei Michel geklebter Wanderschuh löste sich wieder auf, die rechte Seite hatte sich komplett von Fußbett und Sohle gelöst. Damit waren auch die Dämpfungseigenschaften hinüber. Dabei waren das gute, nicht mal vom Aldi, aber halt schon ein paar Jährchen alt.
Im Tal sahen wir weitere Schafe, die aber frühzeitig vor uns flüchteten. Auch oben hörten wir nun welche blöken, sahen sie aber erst als wir weiter unten waren auf der Spitze eines kleinen Gipfels. Bööööööööööö. Wir querten eine weitere Passhöhe und sahen in ein großes Tal, an dessen Ende sich ein See breit machte. Der übliche Weg ging westlich am See vorbei, doch Michel wollte mal eine Alternative ausprobieren, die er von seiner Ex hatte. Also stiefelten wir ein Seitental hoch. Direkt auf den Gipfel zu, weil ich daneben einen Pass erhoffte, aber da war keiner, es dafür aber sehr, sehr steil.
Also suchten wir eine andere Stelle und fanden eine, die ein bisschen besser geeignet war, doch immer noch sehr steil. So arbeiteten wir uns langsam herab. Ich besonders langsam, weil ich mit dem linken Fuß keinen richtigen Halt mehr bekam. Zwei Mal wackelten große Felsen recht bedenklich und wir sprangen schnell weg. Ist bestimmt kein Vergnügen einen tonnenschweren Stein auf dem Bein liegen zu haben. Ganz erstaunlich fand ich wie Kita dort herum kletterte. Tja, klein und leicht müsste man sein sowie Vierfußantreib haben.
Der Bär
Unten im Tal hielten wir an einem schönen Spot und schlugen unser Lager auf. Es regnete und hagelte etwas, aber nicht so wild wie am Vortag. Auf einem großen Felsen an einem Bach war unsere Kochecke. Michel holte Wasser und ich rief ihm zu wo ein guter Platz dafür war. Er hatte mich nicht verstanden und ich rief: "There!" Er fragte: "Where?" worauf ich antwortete: "Two meter in front of you", woraufhin er schnell zurück kam. Er hatte bei meinem ersten Ruf nicht "There" sondern "Bear" verstanden.
Ein Adler flog über uns hinweg und wir erzählten noch etwas über das Leben und Arbeiten im Yukon im Vergleich mit Deutschland beziehungsweise der Schweiz. Kita hatte ihr Abendessen komplett verschmäht und träumte wohl von dem Hörnchen, dass sie unterwegs geschnappt, dann aber für Notzeiten vergraben hatte. Ich genoss den tollen Abend noch, als Michel sich schon ins Zelt zurück gezogen hatte. Kita versuchte vergeblich noch ein Hörnchen zu erhaschen und nahm ihren Wachplatz im Vorzelt erst ein, als Michel sie rief. Ich hoffte, dass die Nacht wieder trocken bleiben würde.
In der Nacht hatte ich so leidlich geschlafen. Zuerst wurde es recht kühl, weil es sternenklar war, dann bewölkte es sich und wurde wärmer. Um 8 Uhr standen wir auf und frühstückten. Lauwarm, weil die Gaspatrone am Ende war. Peinlich. Wir überquerten den Talboden und dann ging es steil bergauf. Und zwar viel besser und schneller als ich gedacht hatte. Nach eineinviertel Stunden waren wir oben. Noch schnell zu einem Nebengipfel hinauf hatten wir erneut eine etwas andere, herrliche Aussicht auf die Bergwelt. Leider war der Himmel mittlerweile gleichmäßig mit Wolken bezogen.
Keine Mehrtageswanderungen mehr
Hatten wir von unten mit dem Fernglas noch einen Schafswidder gesehen, war hier oben jetzt tiermäßig tote Hose. Auf der ganzen Hochebene, die wir überquerten schien es für Tiere wie geeignet, nur leider wussten die das wohl nicht. Bergab und über Felsen hatte ich mit meinem kaputten Wanderschuh weiterhin schlechte Karten. Nun erinnerte ich mich daran, warum ich im Vorjahr keine Mehrtageswanderung gemacht hatte: Nach dem Diebstahl in 2003 hatte ich keine richtige Ausrüstung mehr dafür. Kein Ein-Mann-Zelt, keinen guten Rucksack, keine guten Wanderstöcke, alles bei Discountern im Angebot gekauft und für diese raue Gegend nicht geeignet.
Hinter der Ebene ging es wieder einen Hügel hinauf. Im Windschatten einiger großer Felsen machten wir Mittag, genau mit Blick auf die zweite, noch größere Mine. Die war riesig, doch im Vergleich mit der Natur rundherum nur ein Pünktchen in der Landschaft. Umwelttechnisch natürlich eine Riesenschweinerei, aber auch ich verbrauchte jede Menge Blei. Zwischendurch kam sogar die Sonne heraus und Michel und ich quatschten noch ein wenig. Die Strecke, die wir gemacht hatten würde er mit Kunden wohl nicht machen koennen. Demnächst wollte er es mal östlich des Sees probieren.
Geschafft
Wir stiegen vom Gipfel herunter, querten ein Stückchen der nächsten Ebene, bevor wir auf einen ATV-Trail kamen. Auf diesem ging es recht flott bergab. Die Brücke über einen Bach war zerstört. Ich latschte einfach mittendurch. Nasse Füße hatte ich sowieso und das letzte Stündchen der Wanderschuhe hatte eh geschlagen. Die waren irreparabel hinüber. Zwei Stunden später kamen wir an einen riesigen Highway, der ganz anders aussah, als der wo wir den Wagen abgestellt hatten und ich war ganz durcheinander. Aber wir mussten ihn nur queren und waren erst weitere zehn Minuten später am Auto. Gerade rechtzeitig, denn es fing heftig an zu regnen. Außerdem war ich platt.
Schnell eingepackt und fuhren wir 100 Meter, um eine Elchkuh zu fotografieren, die an einem See Wasserpflanzen weidete. Die wollte sich aber partout nicht fotografieren lassen und galoppierte durchs Unterholz von dannen. Wir fuhren nach Faro, wo wir ausgiebigst duschten (bevor missliebige Menschen das missinterpretieren - ne Achim? -: wir duschten natürlich getrennt voneinander), die Ausrüstung säuberten und nachher aus essen gingen. Es gab in Faro genau ein Restaurant, das sogar ganz nett war. Amerikanische Küche, sprich Steaks und Burger.