Rund 15 Jahre nach meiner ersten Kanutour auf dem Yukon setzte ich den damaligen Plan - mit einem Mitreisenden wollte ich ein Kanu entführen und von Dawson City nach Alaska weiter paddeln - in die Tat um. Nun gut, ich brauchte das Kanu nicht entführen, aber endlich sah ich, wie der Yukon hinter Dawson City verlief. Morgens hatte ich schnell in der Stadt eingekauft, war zurück zum Campingplatz gelaufen, hatte das Kanu bepackt und war los gepaddelt. Ich jubelte vor Freude. Auf der anderen Seite war da natürlich auch ein wenig Angst vor dem Neuen und Ungewissen.
Bei strahlendem Sonnenschein paddelte ich an den alten Steamern und dem Dörfchen Moosehide vorbei. Es ging auf ein großes "Tor" zu: Ein gelber Felsen schien der Eingang zu dieser für mich neuen Welt zu sein. Der Yukon wurde schmaler, da er auf beiden Seiten von felsigen Bergen begrenzt wurde. Dadurch ging der Fluss ab wie Schmidts Katze. Ich sah zwar keine anderen Kanuten mehr, dafür jede Menge Motorboote. Es waren Indianer, die ihre Netze oder Fischräder leerten, zogen doch gerade die Lachse den Fluss hoch.
Das Wasser war immer noch schmutzig braun. Frisches, klares Wasser kam vom 15 Mile River. Ich probierte es mal mit der Angel, aber anscheinend gab es keine Fische. Als ich weiter paddelte, sprang einer dieser nicht vorhandenen Fische genau dort, wo ich meinen Blinker plaziert hatte. Wie gemein. Trotz der Motorboote wollte ich gerade vom richtigen Outdoor Feeling berichten, als mir der riesige Ausflugskatamaran "Yukon Queen II" entgegen kam. Der fährt die Holland America (ein Tourunternehmen, das vor allem ältere, amerikanische Touris durch Yukon und Alaska fährt) -Touris nach Eagle und zurück nach Dawson City. Schnell an den anderen Rand des Flusses, da das Schifflein ganz schöne Wellen machte.
Der Flussbeschreiber
Wie üblich wusste ich natürlich nicht, wo ich mich genau befand. Hier oder dort? Auch egal. Nein, nicht ganz, suchte ich doch ein Nachtlager. Wenn ich die Karte richtig interpretiert hatte, müsste noch eine kleine Insel - Halfmoon Bar - kommen. Ich war bass erstaunt, als sie wirklich kam. Ich suchte mir auf dem Sandeiland einen Flecken, als ich einen Typen dort rum laufen sah. Der war genauso erstaunt wie ich. Es waren Mike mit seiner Tochter Gillian, wie ich schnell heraus fand. Er würde etwas mit Karten hier machen und schon seit Jahrzehnten die Flüsse hier bereisen. Früher mit dem Kanu, jetzt mit dem Motorboot. Ob das wohl der Mike Rourke war, von dem die ganzen exzellenten Flussbeschreibungen stammten? Auf der mickrigen Insel in meinem Campingstuhl zu sitzen und auf meinem Laptop zu schreiben, war schon recht bizarr.
Fertig von der Hitze des Vortages pennte ich lange und wurde von der Sirene der "Yukon Queen" geweckt. Wie peinlich. Ich quatschte noch mal mit meinen Inselnachbarn und es stellte sich heraus, dass es wirklich Mike Rourke war. Er war jetzt mit Motorboot unterwegs, weil er sich zu alt zum Kanu fahren fühlte und vor allem nicht mehr die Zeit hatte, den er bewirt-schaftete eine große Farm. Er war auf dem Yukon unterwegs um dessen Flussbeschreibung zu aktualisieren, da sich die Ufer und die Inseln oftmals stark verändern. Bei den Aktualisierungen sind außerdem GPS-Angaben dabei. Nicht dass mir das viel helfen würde, aber trotzdem nett. Wir tauschten E-Mail-Adressen aus, weil er wissen wollte, wie weit ich kommen würde. Würde ich auch gern jetzt schon wissen. So eine lange Kanutour hatte ich schließlich noch nie unternommen. Also bis Yukon Crossing sollte es schon mindestens gehen ...
Zahnbelag von Riesenhaien
Ich machte mich auf die Socken, soll heißen ich paddelte weiter. Erneut war es unerträglich heiß. Hin und wieder sah ich Netze oder hörte ein Quietschen und Stöhnen von den Fischrädern. An Kehrwassern verankert wurden ihre riesigen Schaufeln von der Strömung bewegt und warfen die Lachse, die sich dümmlicherweise in dieses Kehrwasser gewagt hatten, in Auffangbehälter aus denen sie nicht mehr fliehen konnten. Wenn es gilt sich die Arbeit zu erleichtern sind die Indianer doch recht erfindungsreich.
Hinter den felsigen, bewaldeten Hügeln direkt am Ufer tauchte eine große Gebirgskette auf. Nach Ferdi Wengers Kanutatlas - ein schon etwas älteres Stück, aber diese Angaben ändern sich ja nicht so schnell - sind die Hügel zwischen 300 und 500 Metern und die Berge dahinter bis etwa 1.300 Meter hoch. Wie graue, dreieckige Zähne eines gewaltigen Haies. Ein toller An-blick. Die Spitzen waren frei, doch darunter teilweise bewaldet. Iiieeeeehhhh, Zahnbelag von Riesenhaien.
Die Titanen von Forty Mile
Nach rund zweieinhalb Stunden sah ich am linken Ufer eine Hütte. Die Siedlung, die ich mir unbedingt ansehen wollte: Forty Mile. Hier hatten sie nämlich gelebt, die Titanen unter den Goldsuchern aus der Zeit vor dem Goldrausch, als es noch keine Wege oder Straßen gab. Nur etwa tausend weiße Goldsucher lebten damals im ganzen Yukon Territorium. Das waren die Nordmänner, deren Taten Jack London als Vorgabe für die Heroen in seinen Romane und Geschichten - hießen sie nun Burning Daylight, Sitka Charley, Malemute- oder Alaska-Kid - dienten. Die Männer, die den Glücksrittern des Klondike-Goldrausches von 1896-98 die Wege bereitet hatten, unter ihnen Jack McQuesten, Arthur Harper und Al Mayo. Die Entfernungsangabe bezieht sich übrigens wie viele am Yukon River nicht auf die Entfernung nach Dawson City - das gab es damals nämlich noch nicht - sondern zum Fort Reliance, rund sieben Kilometer dahinter.
Ich hatte allerdings noch nicht das ehemalige Dorf erreicht, sondern eine Fischerhütte davor, wie mir John ein alter Indianer erzählte, der auf das Dorf aufpasste und die Renovierungsarbeiten beaufsichtigte. Also paddelte ich noch ein paar hundert Meter weiter, zog das Kanu ein Stück an Land und ging auf Fotopirsch. Es standen noch zwölf Gebäude und einige Ruinen. Ich traf dabei Joe, den einzigen Renovierungsarbeiter, den John beaufsichtigte, der mir den Weg zum Friedhof zeigte. Ich liebe diese alten Friedhöfe. Etwa 30 Grabstellen gab es, deren Lattenzäune und Grabtafeln vor sich hin rotteten.
Es dauerte eine Weile bis ich alles auf Film hatte. Ich ging zurück zur Hütte in der John lebte. Davor hatte er am Ufer des Flusses einen Stuhl aufgestellt, ein Fernglas bei der Hand und eine Plane als Schutz vor Sonne und Regen. Ich schaute auf den Fluss oder besser auf das Gebirge dahinter. Ein gewaltiges Gewitter türmte sich dahinter auf. John meinte auf meine Nachfrage, dass das hierhin ziehen würde. Also änderte ich schnell meine Pläne und ließ es für heute gut sein mit dem Paddeln. Es gab einen schönen Campingplatz mit Feuerstellen direkt am einmündenden Forty Mile River, der klares Wasser führte.
Fischflüsterer?
Von John bekam ich ebenfalls noch einige Unterlagen und Fotos zum historischen Forty Mile, so dass ich ein Lesestündchen - oder zwei - einlegte. Als Austausch gab ich ihm meine Yukon News aus Dawson City, die ich eigentlich zum Anzünden des Feuers mitgenommen hatte. Danach versuchte ich meine Glück als Angler, aber ich hatte mal wieder keines. Nicht einen einzigen Biss. Dabei sah ich die Mistbiester springen, beziehungsweise ihre Kreise. Vielleicht hätte ich vorher nicht in dem Wasser baden sollen. Die Fische war bestimmt alle in einer Art Schockstarre.
Ich war zum Angeln mit dem Kanu auf den 40 Mile gefahren, der hier kaum Strömung hatte. Allerdings kam das Gewitter und streifte uns. Es regnete nicht, aber ich sah die Blitze und hörte den Donner. Der Wind - eher ein Sturm - schob mich flott ans Ufer und mit dem leeren Kanu hatte ich keine Chance gegen ihn. auf dem breiten Yukon tanzten weiße Schaumkronen. Da konnte ich mich für den Rest der Reise noch auf einiges gefasst machen.
Ich verabschiedete mich von John und Joe - der an diesem Tag zurück nach Dawson City fuhr und es gar nicht erwarten konnte - und paddelte vergnügt vor mich hin. Die Landschaft war einfach geil, und es wirklich einer der schönsten Abschnitte des Yukons, dies ich bisher befahren hatte. Und dabei hatte ich bisher immer gedacht, dass der Yukon hinter Dawson City langweilig werden würde. Allerdings litt ich sehr unter der Sonne, die vom Himmel auf mich hernieder brannte. Nicht dass ich Regen wollte, aber hier und da ein Wölkchen wäre schon ganz nett gewesen.
Old Woman und Man Rock
Ich fuhr zwischen dem Old Man und dem Old Woman Rock hindurch. Auf der linken Seite ein gelber Felsen - Old Woman - , der aus einigen anderen heraus ragte und auf der rechten - Old Man - , ein einzelner etwa 30 Meter hoher und 70 Meter breiter Felsen in einer von Büschen und Bäumen bewachsenen Ebene, ebenfalls direkt am Ufer. Dazu gibt es natürlich eine Geschichte, die ich in mehreren unterschiedlichen Versionen gelesen habe und euch einfach die weitergebe, die mir am besten gefallen hat.
Früher lebte ein Indianerstamm hier. Einer der Männer war mit einer fürchterlichen Xanthippe verheiratet, der alles, was er machte, nicht gut genug war. Besonders als er älter wurde und von der Jagd nicht mehr so viel zurück brachte, wie die anderen, jüngeren Jäger. Sie meckerte und meckerte und meckerte und meckerte ... Eines Tages ertrug er es nicht mehr, gab ihr einen gewaltigen Tritt in den Allerwertesten, sie flog auf das andere Ufer und verwandelte sich in Stein. Nun konnte der alte Mann sich endlich ausruhen, legte sich auch am Ufer nieder und wurde ebenfalls in Stein verwandelt, auf dass er sich immerfort ausruhen konnte. Wenn so etwas heute noch möglich wäre, gäbe es an Rhein und Donau oder auch an Niers, Dondert und Fleuth bestimmt nur noch Felsen.
Berti und die "Yukon Queen"
Nach ein paar Stündchen ertrug ich die Sonne einfach nicht mehr und hätte ihr am liebsten auch einen gewaltigen Tritt verpasst. Ich zog die Mütze über das Gesicht, ließ mich treiben und lugte nur alle paar Minuten mal unter ihr hervor, um eventuellen Gefahren auszuweichen. Eine - nämlich die "Yukon Queen" - hörte ich meistens bevor ich sie sah. Mit ihren starken Mo-toren musste sie sich nämlich kräftig anstrengen, um gegen die Strömung hinauf zu fahren. Wenn sie mich sahen, wechselten sie immer auf die andere Flussseite und drosselten die Motoren, bis ich vorbei war. Echt fair. Die Wellen hätten mich nämlich sonst umschmeißen oder das Kanu voll laufen lassen können.
Allerdings verpasste ich so dahin treibend die Grenze zwischen Kanada und Alaska vollkommen. Sie ist durch eine breite Schneise im Wald gekennzeichnet. Mir fiel das natürlich erst auf, als ich einige Hütte sah, die schließlich sehr nah beieinander standen und die Ortschaft Eagle bilden. Und die liegt schon in Alaska. Ich näherte mich dem Hafen und fragte aus dem Kanu nach dem Campingplatz. Ich sollte doch erst mal nach dem Grenzposten fragen, wurde mir beschieden. Als ich das machte, hatte ich den natürlich vor mir. Er hatte mich schon entdeckt gehabt und die entsprechenden Formulare in seinem mobilen Büro, seinem Auto. Tja, nach dem 9/11-Anschlag hat sich hier einiges geändert. Wenn ich da an die Beschreibung von Rainer Höh aus der "Floßfahrt nach Alaska" denke. Das ist jedoch auch knapp 30 Jahre her.
In Eagle
Immerhin sagte mir der Zöllner nachher, dass die meisten Kanuten unmittelbar vor dem Eagle Bluff, einem Felsen am Yukon River, zelten würden, da der Campground für sie zu weit weg wäre. Wegen der Verzögerung durfte ich mein Zelt im Regen aufstellen. Da legte ich mich doch gleich rein, nachdem ich mir eine Konserve mit Obst reingezogen hatte. Die Sonne schaffte mich doch immer wieder. In der Nacht und am Morgen regnete es viel, so dass ich einen Ruhetag einlegte. Regen schaffte mich anscheinend auch. Ich las viel, duschte zur Abwechslung mal, reinigte meine Wäsche und schrieb Rundmails. Abends kamen Russel und Susan an und zelteten neben mir. Sie waren ganz gut nass geworden. In diesem Falle dachte ich mir wie immer ganz unchristlich: Besser sie als ich. Sie hatten mich auf dem Weg nach Dawson City schon vermisst, dann aber meinen Eintrag im Gästebuch von Forty Mile gelesen.
Bei Regen verließ ich Eagle, und es blieb den ganzen Tag regnerisch und bewölkt. Also machte ich Kilometer. Die Landschaft war bestimmt toll, aber ich sah nicht viel zwischen den tief hängenden Wolken. Man kann halt nicht immer Sonnenschein haben. Schade wegen des Calico Bluffs: Ein Berg mit horizontalen, weißen und schwarzen Schichten. Millionen von Jahren an Erdgeschichte sind hier niedergeschrieben, leider in einer Sprache, die ich nicht lesen kann. Oder vielleicht glücklicherweise? Wenn man das alles entziffern könnte, hätte man im Geschichtsunterricht ja noch mehr Zahlen lernen müssen, beispielsweise: 167.499.657 vor Christus: Tyrannosaurus Rex VII. führte erfolgreichen Feldzug gegen die Brontosaurier.
Leblos auf dem Fluss
Ab und an traf ich Russel und Susan, später noch einen Vater mit seinem Sohn im Kanu. Ganz schön was los hier. Dieser Teil bis Circle gehört zum Yukon-Charley River Wildtierreservat. Es gibt sogar einige Hütten, in denen man kostenlos übernachten darf. Nach dem Regentag war es einfach nur noch heiß, und oft war ich am Nachmittag schon geschafft. Dann ließ ich mich dahin treiben, wie Labiskwee im Adventsvierteiler "Lockruf des Goldes" oder Johnny Depp - oder war es K(e)anu Reves - in "Dead Man Walking". Allerdings war ich gesund und - halbwegs - munter.
Einmal entdeckte ich ein kleines Macchu Picchu: Ein Plateau mit einem Zuckerhut dahinter. Tiermäßig war es ziemliche Fehlanzeige, aber es gab auch keine Mücken mehr. Nur die Vögelkes ließen mich nicht im Stich. Weißkopfseeadler und Wanderfalken, die ich mit meinem Fernglas (erneut mein Dank an Beedy) eindeutig identifizierte. Als ich den fotografieren wollte, flog der Bruder einfach weg. Unverschämtheit. Dabei wollte ich ihm doch zu internationaler Berühmtheit verhelfen. Die Strömung war weiterhin sehr flott, so dass ich gut vorwärts kam.
Am Charley River zapfte ich mir klares Frischwasser ab. Der Charley kam von der linken Seite herein und für bestimmt 50 Meter war das Wasser am Ufer klar. Ich war mächtig stolz, dass ich ihn überhaupt gefunden hatte. Dazu entdeckte ich zwei Loons, entweder arktische oder rothälsige, aber nicht die normalen. Weniger stolz war ich auf das Schlauchboot mit Anglern, das ich sah. War man denn hier nirgendwo allein?
Slaven's Cabin
Dahinter lag Slaven's Cabin: Ein altes Roadhouse, das wieder hergerichtet worden war. Außerdem war hier ein Posten und Dogdrop beim Yukon Quest dem 1.600 Kilometer langen Hundeschlittenrennen von Whitehorse nach Fairbanks. Im Haus waren sogar Betten zum Übernach-ten und eine Kochstelle mit Gasherd. Luxus pur. Ranger Kelly mähte gerade Rasen. Willkommen in der Zivilisation. Als Russel und Susan eintrafen, fuhr er uns mit großem ATV die anderthalb Kilometer zum Goldschwimmbagger. Der war kleiner als die Dredge No. 4 in Dawson City, aber dafür durften wir überall drauf herum klettern. Dass es so etwas noch gibt. Als Russel seine Wasserflasche beim Klettern auf der Dredge verlor, riet ich ihm den National Park Service doch auf 5 Millionen Dollar zu verklagen. Auf der Rückfahrt reparierte ich Kelly das ATV. Ein Stock war in den Antrieb geraten.
Danach kochte und aß ich, erzählte mit den anderen und las. Unter anderem von einem Piloten, der hier im Winter 1939 abstürzte und erst nach 48 Tagen wieder zurück fand. Er überlebte nur wegen der Trapperhütten mit Caches, die er fand. Nachts kam ein ziemlich wirrer (von Russel und Susan bestätigt) Alaskaner an, der mir erst einen Roman an die Backe erzählen wollte, dann eine halbe Stunde durch die Hütte polterte und schließlich noch den Wasserbehälter so aktivierte, dass es ellenlang nachtropfte. Trotzdem, ich schlief in einem echten Bett. Das erste und wohl einzige Mal für lange Zeit.
Tags drauf hätten Stille und Einsamkeit herrschen können, aber am Himmel übte die halbe US Air Force. Es gibt ja die Eielson Air Force Base im nahen Fairbanks und die hatten ja vor zwei Jahren - als ich auf dem Bitch Creek unterwegs war - im Juli ein Manöver. Abends hörte ich ein starkes, schnelles Rauschen in der Luft, aber es war nichts zu sehen. Das war bestimmt ein Tarnkappenbomber. Zu hören, aber ebenfalls nicht zu sehen waren die Kraniche. Allerdings keine ganzen Schwärme wie in Frühjahr und Herbst, sondern ein Pärchen. Die nisteten wohl im Wildtierreservat.
Der Pfad Finder
Ich hatte meine Etappe so getimt, dass ich kurz vor Circle übernachtete. So glaubte ich jedenfalls. Zumindest hatte der Yukon sich hier stark verbreitert und so ich dem linken Kanal folgen würde, sollte ich nach Circle kommen. Nach einer halben Stunde paddeln war ich vollkommen baff, weil wirklich in Circle. Wie hatte der Dieter Kreutzkamp das Kaff bloß verpassen können, wenn selbst ich das fand? Das schien in diesem Jahr besorgniserregende Formen anzunehmen: Ich wusste größtenteils, wo ich mich befand. Dank - natürlich - der hervorragenden Karten von Mike Rourke, nun persönlich bekannt.
Fünf Minuten nach mir kamen Russel und Susan in Circle an. Wir gingen gemeinsam durch das Dorf, das nicht schöner geworden war, als es 2005 war. Allerdings hatte sich das Wetter gegenüber damals stark verbessert, so dass der Eindruck ein kleines bisschen besser wurde. Im Tankstellenladen kaufte ich einige Kleinigkeiten zum Essen ein, während Russel und Susan zur Post gingen: Sie hatten sich selbst postlagernd zwei Pakete mit Fressalien geschickt.
Beringsee oder nicht?
Russel erzählte mir von einem Deutschen, der von Whitehorse bis zur Beringsee paddeln wollte und bereits in Carmacks das Handtuch geschmissen hatte, weil es zu anstrengend war. Das wäre so ähnlich, als wenn ich in Eagle aufgehört hätte. Da mache ich lieber kleinere Pläne und schaue dann, ob es weiter geht. Also hatte ich weiterhin Yukon Crossing als Ziel vor Augen, mit der Option eventuell weiter zu paddeln. Das Stück bis Galena schien mir machbar, doch die letzten etwa 700 Kilometer bis St. Marys - Emmonak hatte ich direkt abgehakt - schienen mir äußerst unschön zu sein. Na, schau'n mer mal.
Ich machte ein paar Fotos, während Russel im Indianerbüro die Abschnitte über den Yukon aus meiner Flussbeschreibung kopierte. Die von Mike Rourke endete leider in Circle und ich folgte nun Dan Macleans "Paddling the Yukon River and its Tributaries". Nicht ganz so detailliert, aber viele gute Infos und das einzige, was zu finden war. Einigen Infotafeln vor Ort entnahmen wir, dass der Yukon hier rund 70 Tonnen Silt - also das von den Gletschern an den Bergen abgeschmirgelte Gestein - transportierte und zwar pro Minute. Nicht schlecht alter Yukon. Damit hatten wir Circle genug Zeit gewidmet und paddelten weiter.