... Also fuhr ich gemächlich auf dem Campbell Highway weiter. Etwa 100 Kilometer hinter Ross River sollte es am Big Campbell Creek nämlich eine Zufahrt zum Pelly geben von der ich starten wollte. Die "schlechte Nebenstraße" (laut Kanuführer) sollte nach etwa 500 Metern zum Pelly führen. Tat sie aber nicht und sie war wirklich äußerst schlecht. Und wenn ich das schon sage beziehungsweise schreibe ... Rusty machte zwar alles mit, allerdings mit Allrad und in der kleinen Getriebeabstufung. Nach vier Kilometern gab ich an einer sumpfigen Stelle auf und zwar vorher. Aus Erfahrung werde ich eben doch manchmal ein wenig klüger.
Den Campbell Highway zurück fahrend suchte ich nach einer anderen Einsetzstelle, fand aber keine genehme. Also ging es zurück bis zum Hoole River, der dort direkt in den Pelly fließt. Da hätte ich ja fast mit Michel paddeln können, der an diesem Tag von Ross River zu einem Zweitagestrip nach Faro startete. Allerdings wollte ich mir ja unbedingt den Hoole Canyon ansehen, wenn auch auf gar keinen Fall fahren sondern schöne 800 Meter portagieren. An der Brücke jedoch hat der Pelly eben durch den Einfluss des Hoole Rivers seine erste große Stromschnelle. Zuerst wollte ich sie nicht fahren, glaubte aber nachher eine für mich machbare Linie am linken Ufer ausgemacht zu haben.
Der Petrijünger
Und dann passierte das Unglaubliche: Zwei Tage vorher hatte ich mir in Mayo eine Angellizenz geholt und hier holte ich nach dem zwanzigsten Wurf eine Äsche heraus. Haha. Etwa 30 Zentimeter lang. Selbst die zuschauenden Möwen waren erstaunt. Etwas langwierig ausgenommen warf ich die Filets in die Bratpfanne. Obwohl die zuerst in Flammen aufging, schmeckte der Bruder echt lecker: Fangfrischer Brat- bzw. Feuerfisch. Ha, ich konnte es doch. Bei weiteren Wurfübungen ging mir allerdings der Erfolgsblinker verloren. Danach sonnte ich mich zuerst in dem Erfolg und ging anschließend ans Packen für die Kanutour, was besonders bei der ersten immer sehr langwierig ist.
Gegen 11 Uhr paddelte ich mit viel Respekt los. Das sind wohl noch die Nachwirkungen der letztjährigen Kenterung auf dem Frances River, die wirklich nicht sehr lustig war. Doch dann bewältigte ich das Ganze recht locker. Ich traf meine gewählte Linie zuerst am linken Ufer und dann in die Mitte und es war schnell vorbei. Kurz danach sah ich mein erstes Tier im Wasser: Ein Eichhörnchen. Oder heißen die dann Schwimmhörnchen? Anschließend kamen die üblichen Verdächtigen: Raben, Adler, Gänse und Enten.
Der Himmel war bedeckt, aber es blieb trocken. Die Landschaft bestand aus dem normalen Mix aus Nadel- und Laubbäumen, Hügeln, Felsen und Bergen im Hintergrund. Der Fluss war etwa 25 Meter breit, mit einer flotten Strömung, so dass ich gut vorwärts kam. Um 15.30 Uhr erreichte ich den Hoole Canyon. Soll heißen, dass ich etwa 150 Meter vorher hielt und langsam bis zu einem weißen Felsen am Canyoneingang treidelte, da es kein Kehrwasser gab. Ich war wirklich vorsichtig geworden.
Mörderische Portage
Die Portage war 800 Meter lang. Zuerst ging es 25 Meter steil bergauf und im weiteren Verlauf gab es noch zwei weitere knackige Steigungen. Ebenso steil ging es am Ende wieder bergab. Dabei war der Trail viel schmaler, als der im vorherigen Jahr bei den Fraser Falls am Stewart River. Außer mir sind wohl nicht mehr viele Leute so bescheuert hier rum zu kurven. Vielleicht auch wegen der Unmengen von Mücken? Nach der ersten Portage erkundete ich erst mal von oben. Ich denke, dass er machbar wäre, wenn ich eine Spritzdecke hätte, mit einer Gruppe versierter Kanuten unterwegs wäre - und besser Kanu fahren könnte.
Ich beschloss erst mal alle Klamotten das erste Steilstück herauf zu bringen. Dabei musste ich am Nest eines kleinen bodenbrütenden Vogels vorbei, der jedes Mal davon flog. Im Nest lagen vier winzige Eier. Danach ging es auf die nächste Portage. Das war mördermäßig anstrengend, von wegen leichter Einstieg in die Touren. Warum mache ich so etwas eigentlich immer? Vielleicht wegen der Herausforderung und weil es so ein schönes Gefühl ist, es dann doch geschafft zu haben - und der Schmerz nach lässt? Oder wegen der kleinen Schweinereien, etwa dass die letzten drei Meter des Trails von einem kleinen Erdrutsch weg geschwemmt worden waren und ich mit Gepäck drum herum klettern musste?
Das Zelt baute ich etwa 150 Meter vor dem Fluss unmittelbar vor dem letzten Steilstück auf, weil unten kein Platz war. Ja supi, da durfte ich zum Kochen, Spülen und Waschen auch noch ein paar Mal hoch und runter dackeln. Das machte ich auch erst mal. Dabei fing es an zu regnen und die Mücken wurden noch wilder. Die dritte Tour brachte mich an das Ende meiner Kräfte, aber jetzt war "nur" noch das Kanu rüber zu schaffen. Doch das wollte ich erst am nächsten Tag erledigen. Ich war klatsch nass und kaputt und legte mich ins Zelt. Trotzdem konnte ich nicht pennen.
Schinderei
Entsprechend spät wurde ich am folgenden Tag wach. Aber ich hatte nichts verpasst, denn es regnete immer noch. So ging ich nach dem Frühstück noch mal ins Zelt zurück. Erst gegen 15 Uhr hörte es so weit auf, dass ich mich an den härtesten Task machte, nämlich das Rüberschaffen des Kanus. Drüben musste ich zuerst schauen, ob ich das Vögelchen nicht zu oft gestört hatte. Nein, es saß noch brav auf seinen vier Eiern. Nun ging die Schinderei los. Clevererweise hatte ich das erste Steilstück ja gestern schon absolviert. Doch auch das zweite hatte es in sich. Auf halber Höhe musste ich ausruhen und band das Kanu an eine kleine Tanne, damit es auf dem nassen, glitschigen Moosboden nicht wieder runter rutschte. So ähnlich wie die Cowboys ihre Pferde vor dem Saloon. Dann zog ich weiter, band das Kanu wieder an und löste den ersten Knoten. Zwischenzeitlich hatten die Mücken ihren Spass mit mir.
Ich war fix und foxi als ich endlich drüben ankam. Zelt abbauen, Klamotten packen und Kanu beladen. Eigentlich sollten keine Stromschnellen mehr kommen, doch vorsorglich band ich alles wieder an, bis auf die Töpfe, die Pfanne und den Müll. Um 18 Uhr stach ich wieder in den Pelly River. Um 18.02 Uhr war ich wieder an Land. Da war doch noch eine Stromschnelle. Die sah mir ganz schön happig aus. Da ich außerdem ziemlich kaputt war, beschloss ich lieber am rechten Ufer zu treideln. Das linke wäre dafür zwar besser gewesen, aber da kam ich nun nicht mehr hin. Das ging bis zu einem Felsen ganz gut. Hier wollte ich das Kanu leer rübersetzen.
Töpfe über Bord
Plötzlich ergriff die Strömung das Kanu und legte es quer vor den Felsen. Wasser drang in das Heck ein und das Kanu wollte abhauen. Mit einem Riesenruck zog ich es gerade noch soweit an Land, dass es aus der Strömung war. Doch dabei fiel die Plastiktüte mit den Töpfen raus und sie verschwanden auf nie mehr Wiedersehen. Mist, die begleiteten mich schon seit über zehn Jahren auf meinen Touren. Da würde es heute abend wohl Keintopf geben müssen. Der Mülltüte mit Inhalt weinte ich weit weniger Tränen nach.
Ich sammelte alles ein, verpackte es im Kanu und treidelte weiter. Dabei sah ich, dass ich diese Stromschnelle locker hätte fahren können. Zu viel Vorsicht ist also auch nicht gut. Unmittelbar an der Insel dahinter hielt ich an und schlug mein Lager auf. Ich musste einige Sachen trocken legen, vor allem die Knarre. Ich gab nachher einen Probeschuss - und zwar auf den bösen, bösen Felsen, der meine Töpfe gefressen hatte - ab und reinigte es ausgiebig. Zum Abendessen gab es Chili aus der Dose - im wahrsten Sinne des Wortes - mit Brot. Es soll zwar nicht so gut sein, das Essen darin zu kochen, aber was blieb mir anderes übrig? Dafür war der Abend sehr schön und ich saß lange am Lagerfeuer und sinnierte. Es gab keine Mücken und ich heulte mit einem Kojoten um die Wette.
Endlich paddeln
Morgens drauf war es bedeckt aber trocken. Ich kam so gegen 11 Uhr los und paddelte ruhig vor mich hin. Der Fluss hatte eine Geschwindigkeit von etwa sechs bis acht Kilometern und mit Paddeln schaffte ich rund zehn Kilometer in der Stunde. Die Pelly Mountains rückten langsam aber sicher näher. Nach zwei Stunden erreichte ich den Ketza River. Hier wurden früher die Ketza ertränkt. Ich probierte mein Anglerglück und schon nach kurzer Zeit war es mir hold: Eine weitere Äsche hing dran, etwas kleiner als die erste. Petri heil!
Gegen 16 Uhr sah ich den Ross River von rechts einfließen. Ich ging unmittelbar dahinter an Land, um mir das alte, ursprüngliche Dorf Ross River anzuschauen. Erst mit dem Bau der Highways war es an seinen jetzigen Standort verlegt worden. Doch am alten Standort stand nur noch eine verfallene Holzhütte und ein wenig entfernt lag ein alter, von Schüssen durchsiebter Pick-up. Ansonsten war lediglich eine große, unbewachsene Ebene zu sehen. Trotzdem angenehmer als das heutige Dorf.
Ich stieg wieder ins Kanu und sah kurz darauf die Fußgängerbrücke und dahinter die Fähre. Automatisch schaute ich auf meine Uhr: 16.30 Uhr. Rechtzeitig für die Fähre, aber die brauchte ich ja gar nicht. Als ich an ihr vorbei kam, war ich auch noch so blöd dem Fährmann zu winken. Ich hätte besser die Lee Enfield raus holen und ihn abknallen sollen. In Ross River würde so etwas bestimmt als Kavaliersdelikt durchgehen. Es regnete ein wenig und ich paddelte schnell am Dorf vorbei, ließ es quasi wieder links liegen. Drei große Flusskurven und ich hatte das vermaledeite Dorf hinter mir.
Biberpatroullie
Auf einem Baum direkt am Flussufer sah ich ein Adlernest und hörte die Jungen nach Futter krächzen. Hinter mir türmten sich dunkle Wolken zusammen und ich machte, dass ich schnell einen Lagerplatz fand. Rasch lud ich das Kanu aus, verstaute alles, baute das Zelt auf und wetterte den Regen darin ab. Nach anderthalb Stunden wurden die Himmelspforten wieder geschlossen und ich machte mich ausgeruht daran, das Lagerfeuer anzuschmeißen. Kochen, essen, spülen und am Lagerfeuer sitzen war anschließend angesagt. Fischi war lecker, denn glücklicherweise war mir die Pfanne erhalten geblieben. Ein Biber patroullierte vorbei, tauchte aber ab, als er mich dort sah.
Bei leichter Bewölkung aber trockenem Wetter ging es tags drauf weiter. Schon nach einer Stunde erreichte ich den Lapie River und wieder angelte ich. Ich sah die Fische hinter meinem Blinker her schwimmen, nur beißen wollten sie nicht. Nach einer Stunde gab ich auf, genau wie die Möwe, die vergeblich auf Reste hoffend bei mir geblieben war. Die Sonne kam raus und brannte mir auf den Pelz. Richtiges Stichwort, denn am Ufer sah ich zwei junge Braunbären, die wohl in diesem Frühjahr von ihrer Mutter verlassen worden waren. Kurz dahinter entdeckte ich einen struppigen, kleinen Fuchs am Ufer.
Ein Paddler zu Besuch
Ich hatte nicht mehr auf die Karte geschaut und ein wenig die Orientierung verloren, aber ich müsste immer noch auf dem Pelly River im Yukon Territorium gewesen sein. Schließlich entdeckte ich am rechten Ufer einen Weg und Hütten. Das sollte die Blind Creek Road bei Faro sein. Da ich noch einen Abend am Fluss verbringen wollte, paddelte ich zwei Kurven weiter und suchte mir eine schön Insel zum Lagern aus. Ich angelte ein wenig, als ein Kanu mit Paddler und Hund vorbei kam. Michel hatte meine Botschaft erhalten und kurzfristig die Tour von Ross River bis Faro in einem Tag noch mal gemacht. Er stieg kurz aus und wir unterhielten uns kurz, doch dann fuhr er weiter, da erneut dunkle Wolken heran zogen. Wie ich vermutete hatte sollte es bis zur Brücke noch etwa eine Stunde sein. Der Abend war herrlich - ohne Regen - und ich beobachtete einen Biber beim Fressen auf einer gegenüber liegenden Insel.
Bei strahlendem Sonnenschein paddelte ich los. In einer großen Flussschleife sah ich die Häuser von Faro und besonders das B&B von Michel. Es ist nämlich knatschblau und in Faro als "Blue House B&B" bekannt. Es hat doch etwas für sich, sein Haus oder seine Hütte in grellen Farben anzustreichen. Nach etwas mehr als einer Stunde war ich an der Brücke bei Faro. Ich lud aus, zog das Kanu raus und legte die Klamotten, die ich nicht mitnehmen konnte drunter. Dunkle Wolken vermittelten den Eindruck, dass es bald kräftigst regnen würde.
Ich ging zur Straße und lief sie hoch Richtung Campbell Highway. Das sind etwa zehn Kilometer, doch so konnte ich endlich die Beine an die Arbeit setzen und die Chancen mitgenommen zu werden, war dort ungleich größer. Drei Autos passierten mich und das dritte hielt. Terry arbeitet für die Regierung, bestimmt den Wert von Grundstücken und Häusern für die Besteuerung und musste dazu jetzt nach Ross River. Wie wohl alle Yukoner übernachtete er lieber in Faro und fuhr am nächsten Morgen nach Ross River. Komisch, oder?
Die Scorpions
Er stellte sich als Fan der deutschen Rockband Scorpions um die Schenker-Brüder heraus, die jetzt wohl in Köln leben. Das war doch die Musik meiner Jugend und noch heute habe ich die CD des Albums "Lovedrive" von 1978/79 oder so. Nach einem Konzert in Edmonton (oder war es Toronto?) hatte Terry ihnen mal die Stadt gezeigt. So quatschten wir über Musik und ruckzuck waren wir an der Abzweigung nach Ross River, wo Terry mich absetzte. Jetzt kam der schwierige Part des Trampens, denn ich musste ja noch weiter nach Süden zum Hoole River.
In zwei Stunden kamen etwa fünf Autos vorbei und nur eines davon fuhr in meine Richtung, aber ich wurde nicht mitgenommen. Dann kam Terry zurück, sah mich immer noch dort stehen und beschloss mich mal eben dort hin zu fahren. Das waren ja immerhin über 50 Kilometer, also locker zwei Stunden hin und zurück. Die Yukoner sind einfach nett. Übrigens hatte ich die ganze Zeit Glück gehabt: Beide Male fing es an zu regnen, kurz nachdem ich mitgenommen wurde. Das Wetter im Yukon ist eben auch nett.
Rusty stand unversehrt da, wo ich ihn gelassen hatte und sprang widerstandslos an. Allerdings machte er jetzt unverkennbar mechanische Geräusche, die aus dem hinteren Teil zu kommen schienen. Mist! Ich kam jedoch ohne unplanmäßigen Zwischenstopp nach Faro, wo ich in der Bibliothek ins Internet ging und nachschaute, wie die WM ausgegangen war. Dritter Platz, nicht schlecht und weit mehr als ich vorher gehofft hatte. Danach fuhr ich zum B&B von Michel, wo ich mich einlogierte und ausgiebig duschte.