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Auf dem Niger nach Timbuktu

Eine Nigerkreuzfahrt ist ein eindrucksvolles Erlebnis, ohne großen Komfort

Die Schiffsschrauben stehen still, der Atem bildet kleine Wolken, im Osten kündigt ein violetter Streifen den Tag an. Vom Bett des Niger keine Spur. Die Tombouctou liegt in einem Teppich aus Schwimmgras, der bis an den Horizont reicht. "Der Kapitän hat sich in der Dunkelheit verirrt", sagt Alidji Taoudina, ein hagerer Mann in ockerfarbenem Boubou und Ledersandalen. "Er hat das Schiff über Nacht geparkt. Jetzt sucht er die Fahrrinne."

Alidji, der Französischlehrer, hat eine Schulung in der malischen Hauptstadt Bamako besucht und ist auf der Heimreise nach Timbuktu. Als die Sonne aufgeht, wickelt er seinen weißen Turban um den Kopf, die Maschinen springen an, und das Linienschiff der nationalen Nigerflotte tastet sich rückwärts durch das Gestrüpp. Achtern hängen zwei Matrosen über der Reling und geben dem Kapitän aufgeregte Zeichen. Es dauert eine Stunde bis die Bojen auftauchen, die den Weg über den Debo-See weisen. Der Niger fließt durch ihn hindurch. Die Ufer sind durch das Fernglas gerade noch zu erahnen. "Die Ufer sind nicht die Ufer", berichtigt Alidji. "Alles Bourgougras. In der Trockenzeit weidet dort das Vieh, jetzt die Karpfen." Die Tombouctou braucht den ganzen Tag, um diese ungeheure Wasserfläche mitten im Sahel zu überqueren.

Alidji reist als einziger Afrikaner auf dem Oberdeck, erster Klasse, mit einem Dutzend Europäer. Drei Tage ist die Tombouctou seit ihrer Abfahrt in Koulikoro, dem Hafen von Bamako, bereits unterwegs, immer stromabwärts, den Niger hinunter, hat Segu und Mopti passiert, doch Timbuktu ist noch weit. Wie weit, das hängt von den Launen des Flusses ab. Ein Fahrplan existiert nur auf dem Papier. Wenn alles glatt läuft, dauert die Reise fünf Tage.

Frühstück im kleinen Speisesaal. Die Stimmung ist gut. Die Tage auf dem drittgrößten Strom Afrikas wirken entspannend. Nichts tun, außer Treiben. Nur das französische Ehepaar starrt schweigend vor sich hin und schmiert ölige Butter auf gummiweiche Baguettes. Dann knallt er, ein ordentlich frisierter Mann in blauweiß geringeltem Seemannshemd aus heiterem Himmel das Besteck auf den Tisch. Seine leichenblasse Frau zuckt zusammen. Kaffee schwappt aus den Tassen. "Mais merde!", schreit der Franzose und bläst die Backen auf. "In den Kabinen ist es heiß und eng. Gut! Ameisen, Kakerlaken. Gut! Die Scheißhäuser stinken zum Himmel. Gut! Aber wer wollte denn nach Mali? Wer wollte denn diese Schiffsreise machen? Wer? Wer? Wer?" Die Französin schweigt. Die ganze Reise über schweigt sie, sagt nicht ein einziges Wort.

So schlimm sind die Kabinen gar nicht. Die Laken sind zerknittert, aber sauber. Der Ventilator funktioniert hin und wieder. Am Waschbecken fehlen die Anschlüsse, doch es eignet sich hervorragend als Obstschale. Das untere Bett teilen sich Alidji und seine Frau. Im engen Gang stapeln sich die Einkäufe des Lehrers: Kalebassen, Plastikstühle, Getreidesiebe, Grasbesen, ein Großbildfernseher. Was bleibt, ist für den anderen Bewohner der Kabine, den Weißen: das obere Bett, ein Pressspanschrank ohne Tür, die Kletterpartie zum Ausgang. "Ein afrikanisches Schiff", sagt Alidji und zuckt die Schultern.

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