Das Land der Geschichten und Geschichtenerzähler: Newfoundland, Kanada

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Land der tausend Geschichten: Newfoundland © Copyright Monika Fuchs, TravelWorldOnline
Land der tausend Geschichten: Newfoundland © Copyright Monika Fuchs, TravelWorldOnline

 

Neufundland ist wie geschaffen für interessante Geschichten: Eisberge ragen in der Ferne aus dem Ozean, der Wind trägt den Geruch von Seetang ins Land, in der Ferne hört man das Atmen der Wale und beobachtet den hektischen Flug der Papageientaucher vor den steil aufragenden Klippen an der Küste „des Felsens“, wie die Insel im Sankt Lorenz Golf von seinen Bewohnern liebevoll genannt wird. Die Friedhöfe der Insel sind zum Meer hin ausgerichtet, ganz so als ob die Menschen, die hier bestattet sind, noch einmal auf ihre Abenteuer am Rande der Insel zurück blicken wollten. Ein großer Teil der Bewohner der Insel stammt von einer anderen Insel, die für ihre Geschichtenerzähler und Autoren bekannt ist: aus Irland. Kein Wunder also, dass eine ganze Reihe von Kanadas besten Schriftstellern in Newfoundland zu Hause sind: Wayne Johnston, Michael Crummey, Michael Winter, Kenneth Harvey.

 

Die Landung von John Guy auf Newfoundland © Copyright Monika Fuchs, TravelWorldOnline, courtesy Cupids Legacy Centre
Die Landung von John Guy auf Newfoundland © Copyright Monika Fuchs, TravelWorldOnline, courtesy Cupids Legacy Centre

 

Darunter sind zahlreiche Geschichten von beeindruckenden Persönlichkeiten, deren abenteuerliche Erlebnisse typisch sind für die Menschen auf Neufundland. Das fängt mit den Anfängen europäischer Besiedlung auf „dem Felsen“ an. In Cupids, das etwa eine Autostunde nördlich der Inselhauptstadt St. John’s liegt, landete Sir John Guy, der an dieser Stelle den ersten Versuch unternahm, die Insel dauerhaft zu besiedeln. Selbst hielt er es hier zwar nur einen Winter (1610 bis 1611) lang aus, bevor er in seine Heimatstadt Bristol in England zurückkehrte, aber ihm verdankt der kleine Ort an der Ostküste Neufundlands den Ruf, die älteste ständig bewohnte Siedlung in Kanada zu sein. Er ist damit Nordamerikas zweitältester Ort. Nur Jamestown in Virginia ist noch älter, wenn auch nur um drei Jahre.

 

Die "Roosevelt" unter Captain Bob Bartlett © Copyright Monika Fuchs, TravelWorldOnline
Die „Roosevelt“ unter Captain Bob Bartlett © Copyright Monika Fuchs, TravelWorldOnline

 

Unweit von Cupids hören wir im Hawthorne Cottage in Brigus von Captain Bob Bartlett, der als Kapitän der „Roosevelt“ Commander Robert Peary auf seinen Versuchen, den Nordpol zu erreichen, begleitete. Der „Captain“ stammte aus dem kleinen Ort an der Atlantikküste, und seine Eltern und Schwestern lebten hier. Er kehrte immer wieder hierher zurück von seinen abenteuerlichen Schiffsreisen in die Arktis. Bob Bartlett war berühmt wegen seiner Führungsqualitäten, die er unter anderem bei der vom Unglück verfolgten Karluk Expedition bewies, bei der er die Führung übernahm, als Vilhjalmur Stefansson die Expedition verließ. Nachdem sie mehrere Monate im Eis gestrandet waren, marschierte Bartlett zusammen mit dem Inuitjäger Kataktovik 700 Meilen von Wrangel Island übers Eis in die Tschuktschensee und durch Sibirien. Von Alaska organisierte er eine Rettungsaktion für seine zurück gebliebenen Gefährten. Später erhielt er die höchste Auszeichnung der Royal Geographical Society für den außerordentlichen Mut, den er dabei bewiesen hatte.

 

Joe Smallwood, liebevoll "Joey" genannt © Copyright Monika Fuchs, TravelWorldOnline
Joe Smallwood, liebevoll „Joey“ genannt © Copyright Monika Fuchs, TravelWorldOnline

 

Immer wieder hören und lesen wir auf unserer Reise durch Neufundland von Joe Smallwood, dem ersten Premierminister der Insel nach ihrem Beitritt zu Kanada. Wir hatten bereits im Vorfeld der Reise das Buch „Die Kolonie der unerfüllten Träume“ von Wayne Johnston gelesen, in dem er das Leben Joe Smallwoods beschreibt – die beste Vorbereitung auf eine Reise durch diese Provinz für alle, die die Seele der Region genauer kennen lernen wollen. Es gibt wohl kaum eine bessere Methode, um sich der Mentalität der Neufundländer anzunähern als dieses Buch. Eine weitere Lektüre, die ich dafür empfehle, sind die „Schiffsmeldungen“ von Annie Proulx. Auch diesem Buch begegnen wir unterwegs immer wieder. Einmal übernachten wir sogar im selben Hotel wie die Schauspieler-Crew im gleichnamigen Film. Die beiden Hauptdarsteller Kevin Spacey und Juliane Moore übernachteten während der Filmaufnahmen – wie wir auf unserer Reise – im Fisher’s Loft Inn in Port Rexton bei Trinity.

 

Küste bei Trinity, Newfoundland © Copyright Monika Fuchs, TravelWorldOnline
Küste bei Trinity, Newfoundland © Copyright Monika Fuchs, TravelWorldOnline

 

Und dann sind da noch die Geschichten, die das Leben in Neufundland schreibt – und das sind bei weitem nicht die Schlechtesten. Im Gegenteil, sie zeigen auf wundervolle Art und Weise den Humor der Menschen auf der Insel, die trotz aller Widrigkeiten nie ihren Sinn für Witz und ihre gute Laune verlieren. So erzählt uns Tineke Gow, die Besitzerin des Artisan Inn in Trinity, während sie uns über eine schlimme Wellblechpiste zum Leuchtturm des Ortes begleitet, mit einem Augenzwinkern, dass der Automechaniker des Ortes gerade erst verstorben sei. Sollten wir also einen Ersatzreifen benötigen … Den Rest konnten wir uns denken.

 

Im Gespräch mit Mareike und Tineke Gow vom Artisan Inn in Trinity © Copyright Petar Fuchs, TravelWorldOnline
Im Gespräch mit Mareike und Tineke Gow vom Artisan Inn in Trinity © Copyright Petar Fuchs, TravelWorldOnline

 

Sie berichtet vom Zimmermann des Ortes, der über 1,90 Meter groß gewachsen ist und inzwischen über achtzig Jahre alt ist. Wegen seiner ungewöhnlichen Größe hat er schon seit Jahren ein besonderes Schmuckstück im eigenen Wohnzimmer: seinen selbst gezimmerten Sarg. „Schließlich passt er nicht in einen der handelsüblichen Särge“, meint sie kichernd.  Und sie berichtet vom Reiseleiter einer Touristengruppe, der einem seiner wissbegierigen Passagiere das Blaue vom Himmel herunter log: als der Bus der Reisegruppe an einem Meeresarm in der Nähe von Trinity vorbei fuhr, in dessen Mitte die Bojen einer Austern Zucht zu sehen waren, antwortete er vollen Ernstes auf die Frage, was das denn sei: „Ja, wissen Sie, so beerdigt man in Trinity seine Toten. Der Boden ist hier so felsig, dass man keinen Friedhof unterhalten kann, und so hängt man die Toten kopfüber ins Wasser…“

Quelle: eigene Recherchen vor Ort mit freundlicher Unterstützung von Tourism Newfoundland und der Canadian Tourism Commission sowie Tineke Gow vom Artisan Inn in Trinity

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Text: © Monika Fuchs, TravelWorldOnline
Fotos: © Copyright Monika und Petar Fuchs, TravelWorldOnline

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