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... Nachdem ich mich am Campground ausgiebigst geduscht und mich in frische Gewänder gekleidet hatte, besuchte ich die neueste Touriattraktion von Whitehorse. Am Pullout der Straße vom Campingplatz zur SS Klondike, hatte ein Adlerpaar sein Nest gebaut und man konnte sie bei der Aufzucht beobachten. Bei einem Sturm war mal ein Teil des Nestes mit den beiden Küken herunter gekommen, doch wurde es mit einem Leiterwagen mitsamt den beiden Küken wieder montiert, wie die Yukon News berichtete. Mittlerweile lebte nur noch eines der Jungen, dass jedoch schon recht groß war.

Ansonsten war die Zeit in Whitehorse mit vielen verschiedenen Erledigungen voll gepackt. Beim Hide on Jeckell hatten Besucher ein Bärenspray für mich hinterlegt, das sie nicht mehr brauchten. Die große IKEA-Tüte - das schwedische Möbelhaus schien mich in diesem Jahr zu verfolgen - mit Hausrat von den Schweizer Fliegenfischern Maggie und Peter war dort aber leider nicht angenommen worden, wie sie mir geschrieben hatten. So hatten sie es beim Wohnmobilplatz am Wolf Creek etwa 20 Kilometer außerhalb von Whitehorse deponiert. Der Platz ist in Schweizer Hand und auch das zugehörige Restaurant Wolf's Den wird von Schweizern geführt.

Verwirrend viel Schweizer

Bei so vielen Eidgenossen kam ich natürlich schwer durcheinander, hatte irgendwie im Kopf, dass die Sachen beim Restaurant waren und stapfte dorthin. Es saßen ein paar Gäste draußen, denen ich im Vorbeigehen zunickte, war aber in Gedanken zu sehr mit der zu erwartenden Beute beschäftigt. Im Restaurant kannten sie zwar Maggie und Peter, wussten aber nichts von den edlen Beutestücken. Jetzt kam einer der Typen, die draußen gesessen hatten, hinter mir her gestiefelt, und als er sich vorstellte und die Sonnenbrille abnahm, erkannte ich eben jenen Matthias wieder, den ich eigentlich bei seinem B&B auf der South Canol Road hatte treffen wollen.

Ich setzte mich draußen zu ihnen. Neben Claudia saßen noch Freunde von ihnen - ein Pärchen, ebenfalls aus der Schweiz - dort. Sie waren gerade eben von einer Tour auf dem Dempster Highway zurück und auf ein Essen und ein Bier im Wolf's Den eingekehrt. Wenn ich nicht zum falschen Punkt und just zu der Zeit dort eingekehrt wäre, hätte ich sie wohl nicht getroffen. Wir tranken noch ein weiteres Bierchen und erzählten lustige Geschichten aus dem Yukon. Außerdem heuerte ich sie an, uns für die Kanutour auf dem Big Salmon River zum Quiet Lake zu bringen.

In Whitehorse fuhr ich von hü nach hott, um Sachen zu erledigen. Da das Wetter jedoch weiter hervorragend war, wollte ich natürlich was Neues machen. Also fuhr ich von der Fischleiter am Staudamm nach Süden und inspizierte Chadburn und Hidden Lakes. Dabei handelt es sich um glaciale (nein Jürgen, das hat nichts mit meiner Haarpracht zu tun) Senken, die sich durch den wegen des Staudamms angestiegenen Grundwasserpegel gebildet haben. Um auch ja alle Hidden Lakes - es sind sechs, wie ich glaube, mich erinnern zu können - zu entdecken, wanderte ich durch die Gegend. Sie sind alle ganz nett, aber mein Favorit bleibt weiter der Long Lake.

"Canyon City"

Da ich eh gerade in der Gegend war, wanderte ich noch nach Canyon City. Diese "Stadt" war während des Goldrausches entstanden, als die White Horse Rapids noch nicht durch den Staudamm geflutet waren. Die Durchfahrt war sehr gefährlich und Frauen und Kindern verboten. Dort stauten sich die wartenden Boote und die Ausrüstung vieler wurde umgetragen. Wozu sogar eine kleine Bahn gebaut wurde. Allerdings war die Vergangenheit interessanter als die Gegenwart, denn es war zwar ein Schild dort, welche Gebäude wo gestanden hatte, aber von den Gebäuden war nicht mehr zu sehen. Gar nichts. Ich meine überhaupt nichts. Nullo. Niente. Nun ja, ich war darauf vorbereitet, weil Andre, der mich vor einigen Jahren besucht hatte, von einer geführten Tour dorthin nicht viel Gutes zu berichten hatte.

Bei Tim Horten's erwischte es mich dann, beziehungsweise Rusty 3. Ich wartete auf einen Parkplatz, als die Fahrerin des Wagens dort schwungvoll zurück setzte - natürlich ohne zu gucken - und genau in Rusty hinein fuhr. Wir stiegen aus und besahen uns den Schaden. Bei ihrem Auto war der Kotflügel ziemlich verbeult und Rusty 3 hatte drei Kratzer an der Stoßstange, die ich mit ein wenig Spucke wieder weg bekam. Stabiles Auto, aber sonst wäre er bei meinen Fahrten wohl schon längst auseinander gebrochen! Wahrscheinlich hätte ich eine Beule auch übersehen. Was soll's? Die Fahrerin gestand ihre Schuld ein und wir schieden friedlich.

Rusty 3 hatte übrigens während der Fahrten auf und neben der South Canol Road mächtig gesoffen, so dass ich beide Reservekanister neu befüllen musste. Doch bei den Touren durfte er das ruhig. "Wer mächtig arbeiten muss, darf auch kräftig saufen." Ich glaube, das war eines der zehn Gebote, die ich vom Mount Haldane mit runter gebracht habe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das so gelautet hat. Am Silver Trail bestimmt. Ich muss die Tafeln mit den Geboten noch mal raus suchen. Dahinter kam direkt "Du sollst immer so schnell wie möglich fahren!" Die sind positiver und mir viel sympathischer als die, die dieser andere Kerl von irgendeinem Berg herunter gebracht hat, mit dem dauernden "Du sollst nicht dieses ..." und "Du sollst nicht jenes ...".

IKEA-Agenten?

Mit einem kleinen Stopp bei den Kohlers am Fox Lake fuhr ich zurück nach Keno City, wo ich mich erst mal einen Tag ausruhte. Der hintere Teil des Grundstücks war mit einer Menge von Fireweed bewachsen, was besonders im Sonnenschein wunderschön aussah. Danach ging es wieder los mit Waschen, Ausrüstung checken und säubern, alles verpacken und einigen Schubkarren voller Schotter, um mein Grundstück einzuebnen. Die störenden, großen Steine die ich zuerst entsorgt hatte, nutzte ich nun, um ein Mäuerchen um mein Grundstück zu bauen. Ich wollte mich abschotten, weil ich nämlich verfolgt und beobachtet wurde. Der CIA hatte mich wegen meiner anti-amerikanischen Einstellung auf seiner Todesliste. Das ließ die ganzen Fahrten in die Gräben unter vollkommen neuem Licht erscheinen. Der CIA hatte mir Drogen eingeflößt, um das wie einen Unfall aussehen zu lassen! Oder waren das in meinem Fall IKEA-Agenten gewesen?

Na ja, so würde ich zumindest denken, wenn ich Sheslay Free Mike wäre. Der Vogel war nach Kanada geflüchtet, um nicht nach Vietnam zu müssen und hatte dann über zehn Jahre allein im Busch gelebt. Da lebte seine Paranoia wohl so richtig auf. Schließlich erschoss er in der Nähe seiner Cabin einen deutschen Trapper, weil der zu saubere Fingernägel hatte und deshalb nicht echt sein konnte. Als ich mir meine Finger daraufhin so beschaute, kam ich zu dem Schluss, dass mir das zumindest nicht passieren konnte.

Da keine Leiche zu finden war, konnte man ihm nichts nachweisen und erst als er eine andere Cabin geplündert hatte, wurde die RCMP wieder aktiv. Bei der Jagd wurde Michael Oros - wie er richtig hieß - erschossen, nahm aber auch einen Mounty mit ins Grab. Erst Jahre später wurde die Leiche des deutschen Trappers gefunden, mit einem Einschussloch im Schulterblatt. Das Ganze spielte sich Anfang der achtziger Jahre im Norden von British Columbia und am Teslin Lake im Yukon ab. Das Buch von Vernon Frolick "Descent into madness" war sehr interessant, da er anhand minutiöser Tagebücher von Oros erzählte, wie dieser immer mehr in seine Scheinwelt und Paranoia abdriftete.

"The wall"

Doch zurück zu meiner Mauer. So richtig fand ich keinen Namen für mein Projekt. Die Berliner Mauer hatte versagt, ebenso wie der Atlantikwall, zumal ich ja viel näher am Pazifik war. Limes erinnerte mich zu sehr an quälend langweiligen Mathematikunterricht in der Schule und mit den Chinesen wollte ich schon gar nichts zu tun haben. Deren Mäuerchen hatte ja ebenfalls nicht funktioniert. Dann war da noch Stonewall Jackson, ein General aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, aber eben ein Ami. Die einzig wirklich erfolgreiche Mauer die mir einfiel, war die von Pink Floyd: The wall. "Descent into madness" - anscheinend war ich auf dem richtigen Weg.

Auch die Bazis waren wieder da, und neben Wolfgang und Lily hatten sie noch einen weiteren, neuen Bajuwaren mitgebracht: Heini. So langsam sollte man in Keno City mal drüber nachdenken, eine Bayern-Quote zu schaffen. Nichts desto trotz trank ich mit ihnen ein paar Bierchen und Whisky - auf meiner wunderschönen, neuen Veranda - und wir fuhren zum Hanson Lake, um Gyula und Roxanne zu besuchen. Die bastelten gerade an einem neuen Schornstein und hatten noch keinen Elch erlegt, so dass ich meine ältesten Klamotten ganz umsonst angezogen hatte. Da ich handwerklich ja nicht so begabt bin, trug ich nur ein paar Sachen hoch und beschränkte mich ansonsten auf die Tätigkeiten, für die ich wirklich qualifiziert bin: Im Weg stehen beziehungsweise sitzen, Bier und Whisky trinken, anderen das Essen wegfuttern und dumme Sprüche ablassen.

"Medizin" für Paul

Und dann verließ ich Keno City wieder. Ein kurzer Stopp an der Mease Farm an der Minto Bridge, wo Paul Haus und Hof sittete. Der war von der ganzen Farmarbeit ziemlich überfordert, besonders weil die Hunde dauernd die Hühner killten. Mit drei Bieren brachte ich ihn wieder auf Vordermann. In Mayo war der Sprit mittlerweile auf 1,35 $ geklettert. Und das nur, weil in Alaska die Pipeline geschlossen worden war. Die sollten sich doch nicht anstellen, waren doch lediglich etwa 800.000 Liter Öl durch ein kleines Loch in die Tundra geflossen. Außerdem bekam ich in Mayo als Anwohner noch ein kostenloses Exemplar des neuen Buches über den Silver Trail, was noch zwei sehr positive Folgen zeitigte. Das Buch über den Keno Hill hatte ich vorher schon von Yvonne geschenkt bekommen, die wohl maßgeblich daran beteiligt war.

Schwuppdiwupp war ich danach in Dawson. Gerade noch rechtzeitig, um bei den Mounties nachzufragen, wo ich mein Auto für drei Wochen lassen könnte. Die hatten einen Tipp, aber da würde es 5 $ am Tag kosten, was mir doch zu teuer war. Beim Visitor's Centre sagten sie mir, dass ich es einfach bei den Docks am River stehen lassen könnte, allerdings die Stadt informieren sollte. Das hörte sich doch besser an. Das Büro der Stadt war natürlich schon geschlossen. Also ging ich bei Klondike Kate's essen und fuhr anschließend durch die Straßen. Viel hatte sich nicht verändert, nur hier und da ein paar neue Geschäfte. Danach setzte ich mich mit ein paar Zeitungen an den Yukon River in die Sonne.

Tankdeckel - im Dutzend billiger?

Schnell mit der Fähre auf die andere Seite des Yukons, fand ich dieses Mal endlich die Straße zum Golfplatz. Ich wollte zwar keine Bälle treiben, aber mir diese Gegend mal anschauen. Da waren jede Menge schöne Hütten und Häuser. Der Dorian Amos, der dieses nicht so gute Buch über den Yukon geschrieben hatte, müsste mit seiner Frau wohl auch dort wohnen. Dann genoss ich die schönste Aussicht auf Dawson und füllte meinen Reservekanister in den Tank um. Nun wollte ich zurück auf die andere Flussseite, um ein wohl verdientes Bierchen zu trinken, musste aber lange auf die Fähre warten, da gerade Schichtwechsel war. Glücklicherweise kam ich als letzter Wagen gerade noch mit rüber. Unglücklicherweise sagte einer der Fährfuzzis mir, dass meine Tankklappe offen stände und kein Deckel drauf wäre. Oh nein, nicht schon wieder, ich hatte gerade einen neuen gekauft!!!!!!! Aaaaarrrrhhhhhh!!!! Wie immer hatte ich den Reservekanister verschlossen, aber nicht den Tank.

Also nahm ich die nächste Fähre zurück und suchte nach dem dusseligen Tankdeckel, den ich natürlich aufs Dach gelegt hatte. Doch gerade dort wo ich los gefahren war, war ein Steilufer. Ich suchte den Straßenrand trotzdem auf 50 Meter ab, aber außer alten Bierdosen (leer!) fand ich leider nichts, davon jedoch jede Menge. Als Strafe strich ich mir das Bierchen, stellte mich auf meinen Schlafplatz und räumte im Auto auf und um. Dabei fand ich zumindest den Blitz für die Kamera wieder, den ich schon länger vermisste. Der war natürlich wesentlich mehr wert als so einer blöder Tankdeckel, was mich einigermaßen mit mir versöhnte. Trotzdem überlegte ich, bei Canadian Tire mal nachzufragen, ob es Tankdeckel im Dutzend nicht billiger geben würde. Allerdings hatte mein Tank noch eine weitere Sperre, die ich mit einem Handschuh und einigen Plastiktüten ausstopfte. Schließlich wollte ich ja nicht, dass jemand mit einem Glimmstengel an Rusty 3 vorbei ging und der in die Luft flog. Nachdem ich noch schnell einen zu Besuch kommenden Fuchs und ein Stachelschwein ärgerte, ging es mir wieder besser und ich beruhigt schlafen.

550 Kilometer trampen

Am nächsten Morgen klärte ich geschwind die Sache mit der Stadt und ging am Deich entlang bis zum Ende von Downtown Dawson City zur Trampstelle. Die Sonne schien und ich war im Yukon, was wollte ich mehr? Vier Stunden später schien die Sonne immer noch, ich war immer noch im Yukon, hatte einen Sonnenbrand und wollte mehr, nämlich mitgenommen werden. Immerhin war ich dazu gekommen, einen großen Teil des Buches über den Silver Tail zu lesen. Wenn bloß nicht dauernd diese störenden Autos gekommen wären. Dann kam ein Pick-up aus Alaska mit zwei Kanus auf dem Dach und hielt. Sarah und Brad wollten mit ihren beiden Töchtern den Yukon River von Minto bis Dawson City befahren. Allerdings wussten sie noch nicht genau, wie sie zurück zum Auto kommen sollten. Also gab ich ihnen meinen Autoschlüssel. Ich meine jedenfalls, sie hießen Sarah und Brad ... Er arbeitete für Parks Alaska und war für die Gestaltung neuer Besucherzentren zuständig. Soweit ich das beurteilen konnte, hatte er das recht gut gemacht.

Bei Minto ließen sie mich aus. Mittlerweile war es 17 Uhr und mein Vorhaben, noch bis Whitehorse zu kommen, ziemlich optimistisch. Aber wie es im Yukon so geht, kam nach fünf Minuten Beth vorbei, die mir am Vortag das Buch in und über Mayo gegeben hatte. Außerdem stellte es sich heraus, dass es Vorteile hat, seine Klamotten nicht ständig zu wechseln, denn auch daran erkannte sie mich wieder und ich hatte meine Fahrt nach Whitehorse. Mit Beth war ich übrigens im Jahr 1999 oder 2000 den Terry Fox Run in Mayo gelaufen. Sie war jetzt mit Ralph Mease verheiratet, dessen Farm Paul hütete, und der Meggy aus der Schweiz nach der Kanutour auf dem Mayo River gesagt hatte, ich sollte doch mal vorbei kommen. Typisch Yukon eben. Mit einer kurzen Snackpause am Stand von Samantha und Dale am Campingplatz in Carmacks kam ich so direkt zum Beez Kneez Hostel in Whitehorse. Ein Bierchen bei Paddy's Place - dem ehemaligen Backwater - und alles war wieder im Lot.

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